UNESCO Weltkulturerbe Kloster Lorsch

Video

123456789101112

Rundgang schließen

©  Hanns Joosten Weltkulturerbe Kloster Lorsch 

©  Hanns Joosten Weltkulturerbe Kloster Lorsch 

©  Hanns Joosten Weltkulturerbe Kloster Lorsch 

©  Hanns Joosten Weltkulturerbe Kloster Lorsch 

©  Hanns Joosten Weltkulturerbe Kloster Lorsch 

©  Hanns Joosten Weltkulturerbe Kloster Lorsch 

©  Hanns Joosten Weltkulturerbe Kloster Lorsch 

©  Hanns Joosten Weltkulturerbe Kloster Lorsch 

©  Hanns Joosten Weltkulturerbe Kloster Lorsch 

©  Hanns Joosten Weltkulturerbe Kloster Lorsch 

©  Hanns Joosten Weltkulturerbe Kloster Lorsch, Masterplan 

©  TOPOTEK 1 Weltkulturerbe Kloster Lorsch 

UNESCO Weltkulturerbe Kloster Lorsch


Eine Weltkulturerbestätte wird als topographische Abschrift nacherzählt. Der Entwurf von Topotek 1 und hg merz ging 2010 aus einem Wettbewerb zur szenographischen und landschaftsarchitektonischen Aufwertung des Ortes hervor.

Die klassischen Schriften des Altertums sind als Originale zum großen Teil verloren. Über das biblische Paradies oder die Geschichtsschreibung des Herodot wissen wir vor allem durch Abschriften, die in den Skriptorien der mittelalterlichen Klöster erstellt wurden. Eines der wichtigsten Zentren dieser Neuauflage des kulturellen Gedächtnisses war die Benediktinerabtei im südhessischen Lorsch; unweit von Worms. Als Kloster schon 1557 aufgehoben und seit 1991 als Weltkulturerbe anerkannt, teilt der Ort jedoch das Schicksal der antiken Schriftstücke: wenig an Originalsubstanz ist erhalten. Die vielzähligen Besucher finden derzeit eine Torhalle aus dem 9. Jahrhundert vor und einen Rest des Kirchengebäudes, das Zeugnisse bisher ungezählter Bauperioden vom 8. bis zum 18. Jahrhundert bewahrt. Als eines der letzten erhaltenen karolingischen Bauwerke ist vor allem die Torhalle ein wichtiges Zeugnis der nachrömischen Zeit östlich des Rheins, der räumliche Kontext der historischen Klosteranlage aber ist schwer nachzuvollziehen. Lesbar bleibt jedoch die spezifische Topographie des Ortes. Nachdem der ursprüngliche Gründungsort, das sogenannte Altenmünster, in der Niederung des kleinen Flusses Weschnitz aufgegeben wurde, wurde die karolingische Abtei ab 767 in Sichtweite auf einem Dünenrücken errichtet und das Kloster mit einer Mauer umgeben.

Der Kerngedanke des Entwurfes für die Weltkulturerbestätte ist das Anschaulichmachen des Ortes als landschaftlicher Raum. Die Zielsetzung ist, die Klosteranlage jenseits der objekthaften Relikte zusammenhängend lesbar zu machen. Diese gestalterische Strategie ermöglicht es auch Gebäude und Einrichtungen späterer Zeitschichten als Teil des Ortes zu integrieren. Die Komplexität des abstrakten, gedanklichen Fügens verlorener räumlicher Zusammenhänge und geschichtlicher Abfolgen wird mit der atmosphärischen Landschaftlichkeit als Raumerlebnis zugänglich gemacht.

In einer dramaturgischen Neuordnung wird die Ankunft der Besucher von der bisherigen Verortung direkt neben dem Erlebnishöhepunkt karolingische Torhalle in die Nähe zum Altenmünster in der Niederung verlegt - also topographisch quasi an den Anfang der Siedlungsgeschichte des Klosters.

Als Ausgangspunkt ist der Parkplatz östlich der Weschnitz geplant. Von hier startet der Rundweg, bestehend aus dem »Weg der Kultur« und »Weg der Natur«, der dem Besucher das gesamte Areal zugänglich macht und die unterschiedlichen Fragmente in den beiden Kernzonen der Welterbestätte, bestehend aus den ehemaligen Klöstern Lorsch und Altenmünster, verbindet. Der Weg führt vom Parkplatz kommend über das Kloster Altenmünster an der Tabakscheune vorbei auf das Klostergelände zu. Über die Nibelungenstraße und den Benediktinerplatz (in Planung) wird das Klostergelände Lorsch selbst erreicht. Zurück führt der »Weg der Natur« zum Besucherinformationszentrum.

Der gesamte Landschaftsraum um die historischen Orte wird so geöffnet, dass der Besucher mit dem freigestellten Blick auf die Klostermauer und dem darüber liegenden Klostergelände einen Eindruck vom räumlichen Umfang der Anlage erhält. Ergänzend dienen – außerhalb der Klostermauer - verschiedene museale Schauräume, wie ein Schaudepot (Zehntscheune) mit Exponaten aktueller Grabungen und ein »Ort des Wissens« als Museumszentrum der detaillierten Wissensvermittlung auch übergeordneter geschichtlicher Sachverhalte.

In der Klosteranlage selbst bilden die ablesbar gestaltete Topographie der Düne sowie der Abdrücke der ehemaligen Gebäude mit einer gepflegten, überall betretbaren Rasenoberfläche die zusammenhaltende Textur des Ortes. Die auch historisch freistehende Torhalle erhält, als stadtseitiger Zugang (Benediktinerplatz) zum Kloster, einen umgebenden Bodenbelag, der sich als Liniengradation von Pflasterung zu Rasenfläche im Inneren der Anlage transformiert. Die Platzfläche vor der Torhalle soll in absehbarer Zeit umgestaltet werden.

Anders als vormals gängige bauliche Vergegenwärtigungen, die auch in Lorsch in den 1980er Jahren an Grabungsorten als Vermittlung vermeintlichen Wissens erstellt wurden, basiert der neue Entwurf auf der Sprache des Bodens. Der heute als gesichert anzusehende bauliche Umfang der Klosteranlage wird mit topographischen Gesten nacherzählt, das verlorene Volumen wird zu einem lesbaren Abdruck gekehrt. Die Umrisse der Klosterkirche, des umbauten Vorhofes und der Klausur mit dem Kreuzgang werden durch Aufhöhung des umliegenden Geländes als Abdrücke abgebildet. Mit einer scharf gezogenen, etwa fünfunddreißig Zentimeter hohen Böschungslinie wird der Boden quasi zur Schrift gestochen. Die nun als Abdruck präsenten Gebäudeumrisse machen das Ausmaß der Klosteranlage und die Zusammenhänge der unterschiedlichen Bauten im Raum wieder sichtbar. Geschichte kann hier begangen werden.

Um das Klostergelände für heutige Anforderungen zu erschließen, wurden neue Wege als additives Element auf die modellierten Schichtungen aufgelegt.

Ein weiteres hinzugefügtes, nicht historisch belegtes Element ist der Kräutergarten, der hinter der Zehntscheune am Hügel liegt. In langen Bändern sind terrassenförmige Beete angelegt worden, die der Topographie des Hügels folgen. Trockenmauern aus Naturstein fassen die Beete ein, werden als Sitzmöglichkeit genutzt und bieten Lebensraum für Pflanzen und Tiere.

Die Bepflanzung liegt dem »Lorscher Arzneibuch« zu Grunde, das um 795 n. Chr. geschrieben und 2013 in das UNESCO-Register des Dokumentenerbes aufgenommen wurde. Es ist das älteste erhaltene Buch zur Klostermedizin des frühen Mittelalters. Im Buch sind Rezepte und Behandlungsvorschläge mit Heilpflanzen beschrieben, die sich an der »Lehre der vier Säfte« orientieren. Im Garten finden sich nahezu alle der im Buch erwähnten Pflanzen wieder. Sie sind teilweise nach einzelnen Rezepten angeordnet, so dass die Zutaten für eine Salbe oder einen Aufguss direkt nachvollziehbar werden. Eine umfassende Beschilderung mit botanischen und deutschen Namen ermöglicht die wissenschaftliche Klassifizierung der Pflanzen und einen umfassenden Überblick über die Medizinallehre des frühen Mittelalters. Darüber hinaus bietet der Garten durch die ästhetisch ansprechenden Pflanzenkombinationen und jahreszeitlich wechselnde Blüh- und Blattaspekte einen hohen Erlebnis- und Erholungswert.

Die neue Gestaltung der Gesamtanlage versteht sich als Ausdruck eines Verständnisses von Wissen als Prozess. Soweit nicht durch aufwändige und teure Grabungen punktuell aufgeschlossen, bleibt das archäologische Erbe ungestört im Boden erhalten. Angesichts der nie vollständig gesicherten Wissenslage können die Formen der Abdrücke ohne großen Aufwand dem sich verändernden Stand archäologischer Erkenntnisse angepasst werden. Die topographische Abschrift der Klosteranlage wird so zur Nacherzählung des Weltkulturerbes der Lorscher Abtei.

 


Deutscher Landschaftsarchitektur-Preis 2015

Erster Preis
Juryurteil:

Der neue Landschaftspark Weltkulturerbestätte Kloster Lorsch ist ein herausragendes Beispiel, wie historische Relikte und Spuren einerseits konservatorisch bewahrt und andererseits wieder stärker auf ihre landschaftlichen Beziehungen zurückgeführt werden können. Den Grundgedanken des Projekts von Schutz der Monumente und einer besseren Zugänglichkeit folgte hier eine kluge Neuordnung der Verkehrs- und Wegeverbindungen zugunsten deren Rückführung auf die Entstehungsgeschichte des Ortes, von der Landschaft zur Stadt oder genauer von dem Kloster Altenmünster zur berühmten karolingischen Torhalle, deren Erscheinung nun befreit von allem Parkplatzverkehr und mit wenigen gestalterischen Bodeneingriffen wieder klare Präsenz gewinnt.

Entlang zweier Wege, dem „Weg der Natur“ und dem „Weg der Kultur“ können nun Einheimische wie Besucher nicht nur die baulichen Dimensionen der früheren Klosteranlage wieder besser nachvollziehen, sondern auch ihre Entstehung aus der Landschaft. So wurden die Volumina der verlorenen Gebäude mit scharf gezogenen Böschungslinien zu ablesbaren Abdrücken in der Landschaft verwandelt, die zugleich die archäologischen Reste vor weiterem Verfall bewahren. Landschaft wurde zu höchst sensuellen wie ebenso ästhetischen Räumen verdichtet und so die Geschichte des Ortes wieder ablesbar. Bauten, Topographie und Vegetation verbinden sich kreativ wie sensibel zu einem sehr vielgestaltigen „Ort des Wissens“, der nun auch ganz unaufgeregt zu sehr sympathisch individuellen Entdeckungen der historisch wechselnden Grenzen von Natur und Kultur einlädt.

  

Projektbeteiligte Mitarbeiter innerhalb des Büros

Mara Werner, Matthias Kolle, Kathrin Weber, Karoline Liedtke, Elisabeth Gruenagel, Vinzenz Adldinger

 


Planungsbeteiligte Partner • Bauausführende Firmen

Wettbewerbsentwurf und Masterplan gemeinsam mit TOPOTEK 1 sowie Planung Teilprojekte Kirchenfragment und Besucherzentrum
hg merz architekten, Stuttgart


Ausschreibung + örtliche Bauüberwachung für Teilbereiche Klostergelände und Kulturachse
Die LandschaftsArchitekten. Bittkau – Bartfelder + Ingenieure GbR


Örtliche Bauüberwachung Teilbereich Nibelungenstraße
Ingenieurbüro ASM Moneke


Bau Teilbereich Klostergelände, Kulturachse
August Fichter GmbH


Bau Teilbereich Nibelungenstraße
Hebau GmbH

  

Zugänglichkeit, Öffnungszeiten & Informationen zur Anfahrt

Beschilderung von den Autobahnen A 5 und A 67, sowie von den Bundesstraßen B3 (Bergstraße), B 47 (Nibelungenstraße) und B 460 (Siegfriedstraße) aus. Ausreichend Parkmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe (auch für Busse). Lorsch ist auch mit Bahn und Bus erreichbar. Vom Bahnhof führt eine Beschilderung zum Museumszentrum und Klostergelände (Fußweg ca. 10 Minuten).
Öffnungszeiten: Dienstag–Sonntag 10.00–17.00 Uhr (an Feiertagen auch montags)

Planung

Topotek 1 GmbH
Martin Rein-Cano, Lorenz Dexler, Francesca Venier

Sophienstraße 18
10178 Berlin


Projektinformationen

Projektzeitraum
2010 - 2014

Bausumme
3 Mio. €

Auftraggeber • Bauherr
Verwaltung Staatliche Schlösser und Gärten Hessen, Stadt Lorsch

Adresse
Nibelungenstraße 35
64653 Lorsch


Projekt auf Karte anzeigen

 

Video schließen

Anfang

Übersicht schließen