Beteiligungsverfahren Herford - der lange Weg nach Hause

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© 2009  GSS Landschaftsarchitekten Unterwegs 

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© 2009  GSS Landschaftsarchitekten Stadtteil-Mischpult 

© 2009  GSS Landschaftsarchitekten Spieldorf 

© 2009  GSS Landschaftsarchitekten Geimensam unterwegs 

© 2009  GSS Landschaftsarchitekten Bestandsaufnahme 

© 2009  GSS Landschaftsarchitekten Jugendliche Fotografen in Aktion 

© 2009  GSS Landschaftsarchitekten Gemeinsames Abschluss-Essen 

Beteiligungsverfahren Herford - der lange Weg nach Hause


In der Herforder Nordstadt zeigen sich unter anderem latente Konflikte zwischen Heranwachsenden und älteren Anwohnern. Jugendliche erfahren hier keine Wertschätzung, und ein hohes Maß an Vorurteilen sorgt für unberechtigte Angst und ein subjektives Gefühl der Belästigung. Verhärtete Fronten und ein Defizit an Toleranz blockieren Dialoge über mögliche Alternativen. Auch herrschen Konflikte zwischen den einzelnen Jugendgruppen und Neid gegenüber Kindern, da für diese neue Flächen geplant und gestaltet werden, während die Jugendlichen immer wieder ihre Orte verlieren.
Zur Initiierung eines dialogorientierten Prozesses diente eine Wohnwagenreise in vergleichbare Stadtquartiere in Bremen, wobei gefundene Ideen und Visionen mit nach Hause gebracht wurden. Die Erkenntnisse der Beteiligten wurden in abwechslungsreichen Fotoalben festgehalten, die in Zukunft als Gesprächsfaden und „Wörterbuch“ in der Kommunikation zwischen den verschiedenen Anwohnergruppen dienen sollen.

BETEILIGTE
Im Stadtteil leben zum einen junge Männer mit türkischem und kurdischem Hintergrund, zum anderen die kaum als homogene Gruppe wahrnehmbaren Jugendlichen aus Spätaussiedlerfamilien. Auch ist festzustellen, dass sich vor allem Jungen und junge
Männer im öffentlichen Raum aufhalten, während die Mädchen und jungen Frauen
sich eher an privaten Orten treffen.
An der gemeinsamen Reise haben 12 Jugendliche mit unterschiedlichen Bildungsherkünften sowie russischem und kurdischem Migrationshintergrund teilgenommen; alle leben seit knapp 5 Jahren in Deutschland. Die Motivierung gelang vor allem durch die Beteiligung
einer Sozialarbeiterin mit ähnlichem Migrationshintergrund.


PARTIZIPATION
Die 5-tätige Reise mit den Jugendlichen gemeinsam im Wohnwagen ist als Beteiligungsverfahren der vierten Stufe, der Kooperation, anzusehen.
Als Ziel wurden ein Anschieben des festgefahrenen Dialogs zwischen den
Anwohnergruppen sowie eine Sammlung von Informationen über
Stadtgestaltung formuliert.
Das besondere Anliegen war hier, die Jugendlichen mit entsprechendem Handwerkszeug auszustatten, um ihnen die Befähigung zum Handeln und Mitreden zu geben. Konkrete Handlungsvorschläge hatten zunächst keine oberste Priorität.
Die Auseinandersetzung mit Vorhandenem und die Erweiterung des Horizontes über
den eigenen Tellerrand hinaus war der entscheidende Einstieg in die Beteiligung.
Aktiver Konfliktabbau durch eine ungewohnt intensive Art des Kennenlernens und
reger Austausch mit bisher Unbekannten über bisher ebenso ungewohnte Themenkomplexe eröffnen neue Möglichkeiten der Kommunikation und Zusammenarbeit.

Diese Art der Beteiligung setzte eine Weiterentwicklung des Verständnisses von „Partizipation“ voraus. Die Planer übernahmen hier die Rolle des Reiseleiters, nicht nur unterwegs in Bremen, sondern auch in nachhaltigerer Form als Wegbereiter für weitere Kommunikationsprozesse zu Hause. Denn weniger die Produktion von Freiräumen als vielmehr die Gestaltung von offenen Prozessen, insbesondere solchen der Willensbildung und Entscheidungsfindung, ist hier in den Vordergrund zu stellen. Schlussendlich ist diese Investition in den „Organismus Stadt“ als nachhaltiger, zukunftsorientierter Prozess zu verstehen, bei dem die Bürger in die Lage versetzt werden sollen, ihre Bedürfnisse zu formulieren und dadurch dauerhaft aktiv an Planungsprozessen teilhaben zu können.

METHODIK/VERFAHRENSABLAUF
Den Anfang des Projektes machte der Kauf eines Wohnwagens inklusive Arbeitsmaterialien. Mit diesem wurde eine 5-tägige Reise nach Bremen unternommen, wo insbesondere die Stadtteile Gröpelingen, Tenever und Huchting näher betrachtet wurden. Diese Stadtteile weisen vielschichtige Parallelen zur Herforder Nordstadt auf.

Im Vorfeld der Reise wurden die Jugendlichen im Quartier direkt aufgesucht und persönlich zu dieser Reise eingeladen. Eine verlässliche Kontaktherstellung gestaltete sich anfangs schwierig, eine grundsätzliche Neugier sowie die Aussicht auf eine kostenlose Reise
sorgten dann allerdings für eine ausreichende Resonanz.
Neben gemeinsamen Aktivitäten konnten auf Spaziergängen in kleinen Gruppen die Stadteile erkundet und über eine Kombination von geplanten Begegnungen und
spontanen Kontakten eine Vielzahl an Eindrücken und neuen Ideen gewonnen werden. Diese wurden teils selbstständig, teils unterstützt von einer Fotografin, bildlich festgehalten. In Einzelgesprächen bestand die Möglichkeit, detailliert auf bestimmte Erlebnisse und spezifischere Themen, wie Stadtplanung und Strukturen, einzugehen. Grundsätzlich war
es durch flexible Reaktionen auf situative Ereignisse möglich, eine konzentrierte Mitarbeit der Jugendlichen über den gesamten Zeitraum aufrecht zu erhalten.

Im Rahmen einer Ausstellung wurden dann die Ergebnisse der Reise der Öffentlichkeit vorgestellt und eine Aufforderung zum Gespräch mit den Jugendlichen ausgesprochen.

ERGEBNISSE
Durch die Reise als erfolgreiche vertrauensbildende Maßnahme konnte die Problematik, Stadt wäre etwas Gegebenes und Unveränderliches, ins Positive verändert werden.
Der Zuwachs an Information sowie die Sammlung positiver Beispiele sorgte bei den
Teilnehmern für eine kritischere Haltung der Situation zu Hause gegenüber.
Greifbare Ergebnisse der Reise sind abwechslungsreiche Fotoalben, die Einblicke in die individuelle Stadtwahrnehmung der Jugendlichen ermöglichen. Diese Alben sollen und können in Zukunft als Gesprächsfaden und „Wörterbuch“ in der Kommunikation zwischen den verschiedenen Anwohnergruppen dienen. Der Wohnwagen soll darüber hinaus als temporärer eigener „Kommunikations- und Aufenthaltsraum“ für die jungen Menschen
des Quartiers dienen.

Im Bereich Konfliktabbau konnte die gemeinsame Unternehmung dafür sorgen, dass die Weggefährten unerwartete Gemeinsamkeiten feststellen und Vorurteile reduzieren konnten. Durch rege Kommunikation wurden die Erfahrungen der Mitgereisten bereits in deren Cliquen weitergetragen. Außerdem wurde ein starkes Interesse an einem selbstverwalteten, aber begleiteten Treffpunkt deutlich.

Weitere formulierte Wünsche sind
• die Versorgung mit baulichen Maßnahmen und technischer Infrastruktur
• ein Angebot gruppenspezifischer Programme
• ein Mitspracherecht bei jugendspezifischen Themen
• ein Angebot von Räumen, die abwechslungsreich, ohne Aufsicht, warm, trocken und gut beleuchtet sind und an denen die Jugendlichen das Gefühl haben können, dass sie niemanden stören.
Des Weiteren kam der Vorschlag auf, zentrale, brachliegende Flächen für die Bedürfnisse der Jugend nutzbar machen.

Als Ergebnisse für die Planer kristallisierte sich heraus, dass Heranwachsende dann motiviert werden können, wenn es um ihre eigenen Belange geht, sie ernst genommen
und in Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Des Weiteren sind für eine Aufrechterhaltung des Interesses praktische, handlungsorientierte Prozesse sowie ein direkter Zusammenhang zur Umsetzung notwendig. Getroffene Entscheidungen sollten zügig umgesetzt werden, um dem Lebensrhythmus der Jugendlichen zu entsprechen und das aufgebaute Vertrauen zu stabilisieren.

Planung

Gasse I Schumacher I Schramm
Landschaftsarchitekten Partnerschaftsgesellschaft

Bremen | Paderborn


Projektinformationen

Projektzeitraum
2009 - 2009

Auftraggeber • Bauherr
Diakonisches Werk

Adresse

Herford

 

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